Dritte Orte, andere Menschen? – Neue Fragen an die Gestaltung von Kulturbetrieben

Kulturinstitutionen sollten emotionale Wechselwirkung zwischen Mensch, Ort und Zeit genauer betrachten

Der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Ger­not Wolf­ram arbei­tet als Publi­zist und Pro­fes­sor für Medi­en- und Kul­tur­ma­nage­ment an der Macro­me­dia Hoch­schu­le Ber­lin. Bei KiWit hat er jetzt einen Bei­trag zur Bedeu­tung von Ort und Zeit für die Gestal­tung von Kul­tur­be­trie­ben ver­öf­fent­licht. Dabei inter­es­sie­ren ihn beson­ders Fra­gen der Zugäng­lich­keit und Teil­ha­be, ins­be­son­de­re die Arbeit mit Emo­tio­nen.

Am Bei­spiel des Ver­an­stal­tungs­raums Han­gar 1 erläu­tert er die idea­len Eigen­schaf­ten eines Raums für die Kul­tur: „Es ist ein offe­ner Raum, der es sich zum Ziel gesetzt hat, umfas­sen­de Teil­ha­be zu ermög­li­chen: aus dem Geist der Gleich­zei­tig­keit von Kul­tu­ren, Küns­ten und den indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­sen von Men­schen her­aus. […] Hier voll­zieht sich etwas, das vie­le Initia­ti­ven der kul­tu­rel­len Bil­dung und des Audi­ence Deve­lop­ments seit vie­len Jah­ren for­dern: Teil­ha­be von Men­schen unter­schied­li­cher Her­kunft und Bil­dungs­schich­ten ermög­li­chen, Bar­rie­ren abbau­en, offe­ne Räu­me schaf­fen.“

Wolf­ram plä­diert für einen inte­gra­ti­ven Ansatz der Raum­ge­stal­tung: „Vie­le […] Ansät­ze haben sich jedoch in den letz­ten Jah­ren jeweils auf einen bestimm­ten Bereich kon­zen­triert. Auf die Ver­än­de­rung des Pro­gramms von Kul­tur­be­trie­ben, auf neue Anspra­che-Model­le oder eben auf die Gestal­tung von Räu­men. Dabei soll­te es viel­leicht, wie im Han­gar 1 zu beob­ach­ten, viel stär­ker um eine holis­ti­sche Annä­he­rung gehen. Um Kon­zep­te, in denen Auf­ent­halts­qua­li­tät und Ange­bots­qua­li­tät zusam­men gedacht wer­den. Raum, Zeit, Mensch und Bedürf­nis müs­sen gemein­sam betrach­tet wer­den, inklu­si­ve der Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen die­sen Dimen­sio­nen.“

Einen ide­en­ge­schicht­li­chen Vor­läu­fer sieht Wolf­ram in der anti­ken Idee der ago­ra. „Biblio­the­ken, Thea­ter, Muse­en, Kinos, Gale­ri­en oder ande­re Kul­tur­or­te kön­nen sol­che Räu­me sein. Den­noch zeigt sich seit Jah­ren, dass es nur in weni­gen Fäl­len gelingt, in die­sen Orten jene Gleich­zei­tig­keit von unter­schied­li­chen Bedürf­nis­sen und kul­tu­rel­len Pra­xen fest zu eta­blie­ren und somit eine Diver­si­tät her­zu­stel­len, wel­che den Namen ver­dient.“

Der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler wünscht sich eine kul­tu­rel­le Pra­xis, die ins­be­son­de­re die emo­tio­na­le Dimen­si­on von Räum­lich­keit nicht aus den Augen ver­liert: „Wenn es gelingt, die­se emo­tio­na­len Seg­men­te eines Ortes stark zu machen, ist die Wahr­schein­lich­keit sehr hoch, dass unter­schied­li­che Men­schen den jewei­li­gen Ort als gemein­sa­men Raum begrei­fen, nut­zen und gestal­ten. Es kommt zu einer ‚Pra­xis der Ent­fal­tung‘ inner­halb von soge­nann­ten „Con­tai­ners of Dia­lo­gue“. Die­se sind nicht mehr unbe­dingt von ein­deu­ti­gen Raum­de­fi­ni­tio­nen abhän­gig. Der Netz­werk­for­scher Patrick Föhl spricht hier auch von „Anker­or­ten“.“

Er for­mu­liert eine Rei­he von Leit­fra­gen, die sich Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen stel­len soll­ten:

  • Wie sehen die Türen und „Öff­nun­gen nach drau­ßen“ aus? Wel­che Aus­bli­cke bie­tet der Ort?
  • Wo hal­ten sich Besu­cher am meis­ten auf?
  • Zu wel­chen Zei­ten kön­nen Men­schen den Ort besu­chen (auch sehr früh oder sehr spät)?
  • Wel­che Mög­lich­kei­ten haben Besu­che­rin­nen, den Ort par­ti­ell umzu­ge­stal­ten?
  • Auf wel­chem Grund ruht der Ort auf? (War hier frü­her ein Park­platz, eine Bäcke­rei, ein Ver­wal­tungs­ge­bäu­de, eine poli­ti­sche Insti­tu­ti­on?)
  • Wel­che Ver­spre­chen macht der Ort, die er auch ein­hal­ten kann? (Hier kön­nen Men­schen sich sicher füh­len; hier steht Gegen­sätz­li­ches nicht im Wider­spruch zuein­an­der etc.)
  • Wie vie­le Zen­tren trägt er in sich?
  • Wie ist er auf Kon­flik­te vor­be­rei­tet?
  • Wen wird man dort mit hoher Wahr­schein­lich­keit wie­der­tref­fen?
  • Wel­che Gefüh­le löst der Auf­ent­halt aus? Wel­che Wunsch­vor­stel­lun­gen von einem ‚anzie­hen­dem Kul­tur­ort‘ exis­tie­ren in der Wahr­neh­mung der Besu­cher?

Der voll­stän­di­ge Arti­kel ist auf den Sei­ten von KiWit hier ein­seh­bar.

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